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Predigt zum Buß- und Bettag 17. 11. 2010
 

Liebe Gemeinde, 

hätten Sie´s gewusst, wann der Buß- und Bettag als gesetzlicher Feiertag abgeschafft wurde?
1939 hat´s der „Führer und Reichskanzler“ Adolf Hitler zum ersten Mal getan, und dann 1995 unsere Volksvertreter - 15 Jahre ist das nun schon her... Kinder, wie die Zeit vergeht!

Davor als Feiertag war er ein richtiger: Bus – und Bett-Tag. Die einen haben Ausflüge unternommen, die anderen haben sich ausgeruht nach dem Motto: Ein Sonntag im Bett ist gemütlich und nett!

Tja, so haben wir Protestanten diesen rein evangelischen Feiertag mehrheitlich nicht zum eigentlichen Zwecke genutzt, nämlich Gottesdienstbesuch und Besinnung – und dann hatten wir in der Diskussion, welcher Feiertag zur Finanzierung der Pflegeversicherung gestrichen werden soll, dann auch schlechte Karten zur Verteidigung dieses evangelischen Tages...

Lang, lang ist´s her. Der Glaube wird seitdem mehr und mehr als Privatsache angesehen. Jeder bastelt sich aus den Bausteinen der Religionen und esotherischen Angeboten seinen persönlichen Glauben zusammen. Für einen solchen Patchwork-Glauben braucht man dann auch keine Kirche mehr, es geht abwärts mit ihrer gesellschaftlichen Bedeutung, ihren Mitgliederzahlen, ihren Finanzen... 

Was wirklich bitter ist: der Glaube spielt auch in den gesellschaftlichen Fragen nach Ethik, Werten, Orientierung keine Rolle mehr... Wer soll denn noch Gottes Wort ins Spiel bringen, wenn nicht die Kirche? Wer begleitet denn Menschen von der Wiege bis zur Bahre mit segnendem Zuspruch, wichtigen Ritualen und Seelsorge? Wer baut denn in Exter den Kindergarten zum Familienzentrum aus, weil heute Eltern genauso Unterstützung brauche wie ihre Kinder? Wer hat denn eine offene Tür für Jugendliche genauso wie für Reisende auf der Autobahn, die einen Moment Ruhe für ihre Seele brauchen? Wer sorgt denn für den Zusammenhalt im Dorf und ein Gemeindehaus, in dem Menschen Gemeinschaft und Halt finden? Wer unterhält denn den Dorffriedhof und hält die Preise dort niedrig, damit auch sozial Schwache ihre Lieben noch würdevoll bestatten können? Wer bringt denn mit alter und neuer Kirchenmusik ein Stück wertvolle, gehaltvolle Kultur in unser Leben? Wer fährt denn Nachts los, wenn durch einen plötzlichen Todesfall Menschen dringend Beistand brauchen? Und und und...

Das müssen wir uns selbst auch manchmal vor Augen führen, was Kirche leistet, was sie noch immer trotz ständig sinkender Mittel möglich macht. Und wir müssen immer neu Menschen für den Glauben und für die Mitarbeit in der Kirche gewinnen, 
sonst verschwinden wir eines Tages von der Landkarte dieser Gesellschaft. 
Und dann: Gute Nacht Exter! Gute Nacht Deutschland! 

Das muss am Buß- und Bettag auch mal gesagt werden. Evangelische Christen rufen heute auf, über das Leben und den Glauben nachzudenken, Fehler zuzugeben, mit manchem neu anzufangen. Bußtag meint im biblischen Sinne etwas ganz anderes als im allgemeinen Sprachgebrauch, der bei Buße an Bußgeld und damit eher an Strafe und Vergeltung denkt.

Der biblische Bußtag seit den Anfängen des Jom Kippur im Alten Testament ist ein Tag 
der Umkehr zu Gott, Umkehr zum Leben, letztlich Umkehr zur Freude! Es geht um die Besinnung auf unsere Hoffnungen, nicht um zerknirschte Reue. 
Der Buß- und Bettag soll Menschen aufwecken aus der Gleichgültigkeit, dem Gejammer 
„da kann man ja doch nichts ändern!“...
Oh doch, es kann und es wird sich etwas ändern, wenn wir uns auf Gottes Wort besinnen, wenn wir mit dem Leib und Blut Christi heute eine Kraft in uns aufnehmen, die nicht zulässt, dass alles immer so weiter geht, dass alles immer schlimmer wird, dass alles den Bach herunter geht... Jesus ist nicht liegen geblieben, als die Mächtigen ihn töteten! Sein Kreuz ist vom Marterpfahl zum Siegeszeichen geworden. Die Toten sollen aufstehen aus den Gräbern zum ewigen Leben bei Gott – das ist die Botschaft am kommenden Sonntag.

Heute richtet sich die Botschaft an die „Toten“, die zwar noch nicht leiblich gestorben sind, aber vielleicht schon sozial, seelisch oder geistlich. Leute, die ohne Hoffnungen, ohne Zuversicht, ohne Halt in einer Gemeinschaft dahinvegetieren, die Bürokraten und die Technokraten, denen das Leben und die Menschlichkeit abhanden gekommen ist, die Gierigen und die Materialisten, deren Glaubenssätze nicht aus der Bibel stammen, sondern aus den Medien und der Werbung: „Geiz ist geil!“ „Haste was, biste was!“ 
„Wer nichts leistet, kriegt auch nichts!“ „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott!“ ...

Der Buß- und Bettag ist für evangelische Christen ein Tag der Besinnung und Neu-Orientierung im Leben. Er dient dem Nachdenken über individuelle und gesellschaftliche Fehlentwicklungen, wie sie seit dem Reformationstag 75 mal an der Thesentür angenagelt wurden. Was bewegt die Kinder und Erwachsenen (die übrigens gut fanden, überhaupt mal ihre Meinungen öffentlich kund zu tun)? „Protestanten protestieren! - Was darf um Gottes Willen so nicht weiter gehen...“ Der Glaube an den Auferstanden lässt uns aufstehen zum Widerstand gegen den Tod und seine Verbündeten. 
Die größte Gruppe der angenagelten Zettel kritisiert den Umgang der Menschen miteinander, ich lese mal vor (1)... Ebenfalls häufig genannt wurden soziale Probleme, zum Beispiel (2)... Ebenso häufig wurden Sorgen um die Schöpfung aufgeschrieben: (3) 6 Thesen wenden sich gegen Kriege in der Welt, 6 für die Stärkung des Glaubens und der Kirche – ausdrücklich einer Kirche, die sich weniger mit Geld und mehr um die Sorgen der Menschen kümmert! Schließlich gab es 3 Thesen für Tierschutz, 5 Äußerungen persönlicher Dankbarkeit und 2 persönliche Bitten, wie wir sie aus dem Anliegenbuch kennen.
Liebe Gemeinde, es macht mir Mut, dass immer mehr Leute kritisch sind und nicht alles hinnehmen, was uns Politik, Medien und Wirtschaft so bieten. Wir Christen stehen hoffentlich deutlich wahrnehmbar ein für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Wir stehen für Menschlichkeit, für Wahrheit, für kreatives Denken und visionäre Hoffnungen. Wir haben uns das nicht selbst ausgedacht, sondern in Gottes Wort der Bibel, in seinem Sohn Jesus Christus und durch die Kraft seines Heiligen Geistes von Gott bekommen. Wir schaffen das, nicht weil wir bessere Menschen wären (das sind wir nicht!), sondern weil Gott uns dazu leitet und befähigt. Weil Gott im Leben der Gläubigen nicht nur eine Rolle spielt, sondern weil er der Regisseur ist. Gottes Drehbuch ist kein Untergangs-Drama und keine Seifenopfer, sondern eine spannende Geschichte von Liebe und Leid, die sicher ein happy end findet. 
Zum Schluss noch eine Besinnung auf den Predigttext. Paulus schreibt „Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?“ Es geht Paulus nicht um die Mißstände in der Welt, sondern um effektive Selbsterkenntnis. Denn lieber urteilen wir über andere Menschen, als mal uns selber zu betrachten. 
Solange wir die Geschehnisse um Kachelmann und Karl Gustav betrachten und über die Bösartigkeit der Welt meditieren, egal, wen wir für schuldig halten, müssen wir uns nicht an die eigene Nase fassen; denn so schlecht sind wir doch allemal nicht. Solange wir andere richten, werden wir nicht umkehren. Das Reden über Andere hat so etwas Befreiendes. Es befreit vom Blick in den Spiegel, vom Blick auf das Bild, das ich abgebe. 

In der Arbeitswelt wird es manchmal extrem: Niemand darf sich mehr einen Fehler erlauben. Dort wird alles so weit zertifiziert, dass ‚Ich war‘s nicht‘ stehende Redewendung ist, denn wer es war, wer die Abläufe stört, muss weg, bringt nicht seine Leistung. Darum darf oft nicht mehr miteinander gearbeitet werden, sondern jeder muss im bestmöglichen Lichte stehen. Das geht dann im Alltag weiter: Bloß nicht erwischen lassen, bei irgend etwas. Schon gar nicht bei einem Fehler. 
Paulus geht es um den ganz besonderen Mut: Mut braucht es, um Entschuldigung zu bitten. Ich muss Mut und Kraft haben, zuzugeben, dass ich einen Fehler gemacht habe. Im Gottesdienst geschieht das ritualisiert im Sündenbekenntnis und ist ganz einfach. Aber wenn ich mit Gott reden darf wie mit einem Freund, dann darf ich ihn auch um Entschuldigung bitten, wie ich einen Freund um Entschuldigung bitte – und das ist schwer, sehr schwer. 
Das kann ein peinlicher Moment werden - aber auch ein schöner, wenn mir die Vergebung gewährt wird, wenn ich eine Erfahrung von Liebe und Freundschaft machen, die mir gut tut. Wer einmal wirkliche Vergebung erfahren hat, weiß wie wohltuend es seine kann, wenn eine Entschuldigung akzeptiert wird. 

Davon erzählt der Apostel der Gemeinde in Rom, dass Gott wie ein Freund ist, der bereit ist, Entschuldigungen zu akzeptieren. Ja, dass Gott sogar einige Schritte weiter geht. Er lädt uns ausdrücklich ein, ihm Schuld zu bekennen und er ist bereit Vergebung zu gewähren ohne Ansehen der Person. Gottes Zorn trifft alle – genauso Gottes Vergebung. Jeder ist gemeint. Wirklich entschuldigen mit gutem Lebenswandel, guten Werken oder guten Gedanken kann sich keiner. Aber jeder darf dankbar auf die Vergebung vertrauen, die er gewähren will.

Ich wünsche uns allen heute die Muße zur Buße: den Zeitgewinn, um zu erkennen und zugeben zu können, was alles falsch läuft in meinem Leben. Solche Muße können wir uns heute nehmen: Muße zu Buße, Zeit Kraft zu sammeln um in Zukunft noch mehr menschlich mit Menschen umzugehen. Amen.