Samstag 14. 11. '09 / Autobahnkirche Vlotho-Exter
Gottesdienst für die Notfallseelsorge
Predigt des Künstlers Hartwig Reinboth zur Eröffnung der
Ausstellung seiner Arbeiten unter dem Titel ''memento''
Ich musste von Neuem über meine Bilder nachdenken, weil sie jetzt hier in der Autobahnkirche gezeigt werden, und weil die heutige Eröffnung der Ausstellung mit einem Gottesdienst für die Notfallseelsorge verbunden ist. Besonders diese Verknüpfung hat mich etwas bedenklich gestimmt, denn Notfallseelsorge verbinde ich natürlich mit dem Gedanken an Hilfe und Trost - gerade in Situationen wie solchen, von denen die Motive der ausgestellten Bilder auf indirekte Weise, aber trotzdem drastisch sprechen.
Wie stehen angesichts der äußerst anspruchsvollen und beanspruchenden Aufgabe der Tröstung und des Beistands, deren Erfüllung größte Hochachtung verdient, meine Bilder da? Scharf gefragt: Was haben diese Bilder hier zu suchen, in dieser Kirche - und wie sollen sie den Gegenstand oder Bezugspunkt einer Predigt hergeben? Bilder, die nichts mit christlichen Bildmotiven zu tun haben, die - soweit man sehen kann - nichts Erbauliches und nichts Tröstliches an sich haben? Denn das ist ja sogleich erkennbar: hier sind verunfallte Autos zu sehen, deformierte Fahrzeuge, vergegenwärtigt mithilfe einer Malerei, die ebenfalls aus den Fugen geraten scheint - so brachial, wie sich die Farbe dort über die Bildflächen ausbreitet.
Indem ich mir klarmache, worauf ich mich mit dieser Ausstellung eingelassen habe, empfinde ich gewissermaßen die Notwendigkeit, mich und meine Bilder zu rechtfertigen. Man kann mich fragen, und ich frage mich das selbst: Ist es nicht eigentlich eine Frivolität, solche Bilder zu malen? Zeugt es nicht von einer Art Schamlosigkeit, in den Trümmern und Unglücksresten, die für die Betroffenen Leid und Unheil bedeuten, nach ästhetischen Möglichkeiten, nach malerischen Wirkungen zu suchen? Denn während des Malens arbeitet man ja genau daran: an den Wirkungen, die die gespritzte, gegossene, mit dem Pinsel aufgetragene, mit dem nassen Lappen wieder abgewischte Farbe erzeugt.
Wie ein Chirurg beim Schnitt mit dem Skalpell nicht eine Person sieht, sondern ein Operationsfeld, an dem er zu arbeiten hat, so achtet der malerische Blick nur auf das, was sich auf der Leinwand tut - ob es "richtig" oder "falsch" ausfällt, ob es so bleiben kann oder verändert werden muss. Erst in Augenblicken des Innehaltens und Zurücktretens, vielleicht auch erst in einer späteren Betrachtung drängen sich wieder inhaltliche Erwägungen ins Bewusstsein; mögen sie auch die ganze Zeit im Hinter- grund beteiligt gewesen sein - auch der Chirurg vergisst ja trotz aller Konzentration nicht völlig, dass es ein Mensch, eine Person ist, an der und für die er arbeitet.
Was also ist auf die Frage nach der Rechtfertigung der Bilder zu antworten? Eigentlich besteht die Antwort darin, sie trotzdem gemalt zu haben. Das klingt vielleicht ebenfalls leichtfertig, ist aber die beste Antwort, die ich geben kann.
Denn da mir die Selbst-Infragestellung, die sich ja auch schon während der Arbeit an den Bildern einstellte, innerlich nicht den Antrieb zur Arbeit blockierte, wie es sehr leicht der Fall sein kann, zeigt sich, dass da etwas ins Bild drängte, das mehr Berechtigung hat als die Bedenken.
Und von jeher ist ja auch das Desaströse Thema der Kunst. Aber dabei geht es natürlich nicht um die bloße Verdopplung des Geschehens, also nicht darum, dem Unglück nun auch noch seine poetisierte Version aufzuladen. Es geht auch nicht darum, dem Künstler Stoff für seine Arbeit zu liefern, sondern es geht darum, dass wir ja doch nicht anders können, als uns mit dem, was uns bedeutsam widerfährt, mit allen Mitteln auseinanderzusetzen - und zu diesen Mitteln gehören natürlich auch und gerade die künstlerischen.
Wie sieht diese Auseinandersetzung hier aus? Zunächst so, dass die Bilder zum Hinsehen anhalten, sie widersetzen sich dem Impuls des Wegsehens. Sie halten dazu an, das mit Aufmerksamkeit anzuschauen, was wir lieber nicht sähen. So wie der, der Beistand leisten will und muss, nicht wegsehen darf, sondern standhalten muss, um helfen und - vielleicht - trösten zu können.
Hierbei muss aber ein mögliches Mißverständnis der Bilder abgewehrt werden, nämlich, sie im Sinne einer plumpen und gefühllosen Pädagogik zu begreifen, nach der Melodie: seht, so geht es denen, die leichtsinnig sind, die sich selbst überschätzen, die sich von der Faszination eines technischen Apparates verführen lassen usw.
Das wäre letztlich eine Verhöhnung der Opfer, die unsere automobile Gesellschaft allerdings Jahr für Jahr hervorbringt. Unser Mitgefühl, unsere Erschütterung richtet sich ja nicht nur auf die unschuldigen Opfer von solchen Unfällen, sondern doch auch auf diejenigen, die durch Unachtsamkeit oder sträflichen Leichtsinn oder sogar durch unakzeptable Verantwortungslosigkeit Gesundheit oder Leben verloren haben. Ja, selbst wer einen aggressiven Raser am liebsten im Gefängnis eingesperrt sähe, weil seine Verantwortungslosigkeit geradezu kriminell ist, wird ihn, wenn er verunglückt ist, nicht einfach mit einem "geschieht ihm recht'" aburteilen. Neben Zorn und Verurteilung wird sich Mitgefühl und Erbarmen geltend machen; denn erbarmungswürdig sind wir in unserer Unzulänglichkeit ja tatsächlich, auch wenn wir es in unseren starken Momenten immer wieder vergessen - und das Machtgefühl am Steuer gehört ja zu solchen vermeintlich starken Momenten.
Dieses Mitgefühl vorausgesetzt, kann man sagen: Ja, es ist eine Möglichkeit, diese Bilder als ''Memento'", als Erinnerung an die Fehlbarkeit und Schwäche des Menschen zu verstehen; als Unfallbilder sind sie Bilder des Scheiterns und des Zerbrechens vermeintlicher Sicherheiten. Doch ist damit allerdings nur das erfasst, was bereits die Reportagebilder zeigen, die man jede Woche in den Tageszeitungen vorfindet, und die mir auf diesem Wege als Ausgangsmotive für die Bilder entgegen- gekommen sind. Jeder kennt diese Zeitungsfotos. Sie lassen einen kurz innehalten, sofern man sie überhaupt beachtet, bevor man dann weiterblättert. Ehrlicherweise muss man doch zugeben, dass solche Bilder in der Regel keine tieferen Empfindungen auslösen, wenn man nicht gerade selbst von einer solchen Erfahrung direkt oder indirekt betroffen ist. Angesichts der durch Malerei gesteigerten Vergegenwärtigung ist es aber nicht mehr so leicht, darüber hinwegzugehen. Als "Memento", als Gegengewicht gegen die alltägliche Gleichgültigkeit und Abstumpfung, können die Bilder also begründet werden. Genügt das, um ihre Anwesenheit hier zu rechtfertigen?
"Zuflucht vor der Verkehrshölle" ist diese Autobahnkirche seit 50 Jahren - so titelte das Mindener Tageblatt anläßlich des Jubiläums in seiner Ausgabe vom 7. Mai dieses Jahres. Ist mit meinen Bildern jetzt die Verkehrshölle doch unberechtigt eingedrungen in diesen geschützten Raum?
Dazu kann zunächst ganz grundsätzlich gesagt werden: Der Kirchenraum hat sich der Aufnahme auch der negativen Erfahrungen des Lebens niemals verweigert, im Verlauf der Geschichte auch nicht der bildlichen Darstellung solcher Erfahrungen. Die Dämonen in den Kapitellen und als Wasserspeier der gotischen Dome, die Darstellung der Heiligen mit den Folterwerkzeugen, die auf ihr jeweiliges Martyrium hinweisen, Identifikationsbilder fùr die Gläubigen mit ihren eigenen Belastungen und Leiderfahrungen - und nicht zuletzt die Bilder der Passion unseres Herrn Jesus Christus, deren Grausamkeit manchmal durch süßliche Darstellungsformen verharmlost wurde, die in starken Vergegenwärtigungen aber schonungslos vor Augen gestellt wurde... Das alles zeigt: Der Kirchenraum ist kein realitätsferner Schonraum, in dem das Negative ausgeblendet bleibt. Es wird zugelassen und eingelassen - allerdings wird es auch nicht einfach so stehen gelassen.
Aber wie ist das speziell mit dieser Kirche, mit ihrer Ausstattung und Anmutung? Prägend ist der helle und lichte Grundton, die beruhigend bergende Form des Rundbogens vor dem Altarraum mit der tröstlichen Inschrift "Kommt her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken." Links vom Rundbogen schwebt sonst ein gütiger, begütigender Engel herab (er wurde fùr die Dauer der Ausstellung vorübergehend entfernt), und im farbenreichen Rundfenster in der Mitte der Altarnische grüßt segnend der auferstandene Christus. Hinweise auf Not und Leid sind hier eher verhalten im schlichten Altarkreuz und in der Anrede an die Mühseligen und Beladenen enthalten.
Damit trägt die Atmosphäre des Kirchenraums dem Anliegen Rechnung, das auch im Faltblatt zum Jubiläum festgehalten ist: ein "Rastplatz fùr die Seele" zu sein - für jeden, der diesen Rastplatz aufsuchen will. Und da kommt die Frage noch einmal mit vollem Gewicht zurück: Wollen die ausgestellten Bilder dieses gute und wichtige und tröstliche Anliegen etwa stören oder gar durchkreuzen? Stehen sie also doch im Gegensatz zur Aufgabe dieses Raumes und im Kontrast zu dem, worum sich die Notfallseelsorge bemüht?
Jahreszeitlich und auch kirchenjahreszeitlich befinden wir uns in einem Abschnitt, der dem ,,Memento", dem Gedanken an Leid und Sterblichkeit breiten Raum vorbehält. Wenn also diese Zeit mehr der Vergegenwärtigung von Leid und Sterben gewidmet ist - ist dies eine unzulässige Betonung negativer Erfahrungen angesichts der doch im Glauben zugesprochenen Überwindung von Leid und Tod? Aber jeder, der seine Erfahrungen mit Leiden und Verlust gemacht hat weiß, dass im akut erlebten Leid nicht zugleich schon die Überwindung des Leids erfahren werden kann. Leid ist Leid, und es ist nicht aufzuheben durch vorwegnehmende Vertröstung, durch erklärende Einordnung in eine ,,höhere Ordnung'' oder durch Hinweis auf spätere Wiederherstellung, ob nun im diesseitigen Leben oder in einem geglaubten Jenseits.
Leid ist Leid, es drückt den Leidtragenden zu Boden und hält ihn dort fest, und es ist dann wie ein Wunder, dass es schließlich doch ein Hindurchkommen gibt, sodass wir wieder auferstehen können aus dem Leid - nach drei Tagen oder drei Monaten oder vielleicht auch erst nach drei Jahren.
Manche spätmittelalterlichen Wandelaltäre, so genannt, weil man sie durch Auf- und Zuklappen der Altarflügel verwandeln kann, muteten den Gläubigen dieses Aushalten und Durchstehen der Negativität zu, indem sie am Karfreitag den gekreuzigten Christus in zuweilen drastischer Darstellung seines Leidens vor Augen stellten, bevor dann am Ostersonntag die Auferstehungstafel alles überstrahlen und die Uberwindung und Aufhebung des Leidens in den leuchtendsten Farben feiern durfte.
Das Kreuz auf dem Altar ist ja kein bloßes Erkennungszeichen, kein simples ,,Logo" der Kirche und es ist auch nicht als Schmuck des Kirchenraums gemeint, obwohl es durch Gewöhnung vielleicht schon dazu geworden ist, sondern es dient der Vergegenwärtigung der dunklen Stunde des Todes Jesu. Und es ist ja doch beachtenswert, dass das Kreuz das prägende Symbol des Christentums geworden ist und nicht zum Beispiel die Wolke, auf der Christus in manchen Darstellungen christlicher Kunst in den Himmel auffährt.
Aber natürlich haben wir gelernt, mehr im schlichten Zeichen des Kreuzes zu sehen, mehr als es eigentlich zeigt. Vor der nackten Tatsächlichkeit einer Hinrichtung am Kreuz würden wir den Blick abwenden. ,,Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg ...", so schildert Jesaja (53,2f.) das geradezu instinktive Wegsehen, das uns angesichts des Unheils befällt und das doch falsch ist und überwunden werden muss. Nicht wegsehen ist aber vielleicht nur möglich, wenn man schon mehr sieht; mehr als die bloße Negativität, mehr als die Unansehnlichkeit und mehr als das abstoßende des Unheils.
Was besagt das in Bezug auf die ausgestellten Bilder? Als ,,Memento". fordern sie zunächst dazu heraus, sich dem zu stellen, was sie zeigen, also dem Unfall als besonders deutlicher Vergegenwärtigung dessen, was unsere Existenz ohnehin und immer ist: gefâhrdete und begrenzte Existenz. Der Anspruch ist aber, dass diese Bilder mehr enthalten, dass auf ihnen mehr zu sehen ist. Was ist dieses ,,Mehr''?
Ganz sachlich gesprochen ist dieses ,,Mehr'' die Malerei. Die Malerei erschöpft sich nicht darin, das Relikt eines Unfalls zu zeigen, es bloß abzubilden. Die Malerei zeigt dies zwar sehr wohl, vielleicht sogar eindringlicher als das Pressefoto, aber zugleich geht sie auch darüber hinweg. Und indem sie darüber hinweggeht, geht sie darüber hinaus. Wir sehen die leuchtende und die stumpfe Farbe. Wir sehen den dickflüssiggen Auftrag und das leichte, kaum noch sichtbare Rieseln der Farbe. Wir sehen die wilde Zusammenballung der Farbakzente und das ruhige Sich-Ausbreiten der Farbflächen.
Alles dies sehen wir in einer zweifachen Prägung: als Bild eines Unfalls und als Bild freier malerischer Energie-Entfaltung. Aber diese beiden Sichtweisen sind gleichzeitig und gleichrangig; sie sind untrennbar aufgegangen in die Bildform, die im Verlauf des Malprozesses gewonnen wurde. Der Malprozess fùhrt bei diesen Bildern weder in die Formlosigkeit, noch in die scheinheilige Aufhebung von Gegensätzen. Die Malerei verneint nicht das Ausgangsmotiv, den Unfall, sie nimmt ihm aber die alleinige Definitionsmacht über das, was unsere Augen sehen.
Wir sehen jetzt mehr. Wir sehen destruktive Kräfte und lebendige Energie; wir sehen brutale Verformung und Neuentstehung von Form; wir sehen gewaltsames Stillgestelltsein und unaufhaltsame Bewegung; wir sehen den starr erscheinenden Endpunkt und unendliche Übergänge.
Dies ist nicht gemeint im Sinne eines oberflächlichen Vitalismus nach dem Motto "das Leben geht weiter". Wer sich damit begnügt, der bügelt die individuelle Erfahrung von Schmerz, Leid und Tod nur kaltherzig über. Und doch hieße es, sich selbst und das Leben preiszugeben, wenn man die Erfahrung von Schmerz, Leid und Tod als letztgültigen Maßstab stehen ließe. Dafür ist hier tatsächlich nicht der Ort.
"Schaue doch und erhöre mich, Herr, dass ich nicht im Tod entschlafe....'', ruft der Beter des 13. Psalms und immer wieder gibt es in den Psalmen und in der gesamten Bibel diese Bewegung von der Klage hin zu neuer Lebensermöglichung, weil die Klage nicht beim Klagenden verbleibt, sondern vor Gott und zu Gott hin ausgesprochen wird - durch allen Zweifel, durch alle Negativität hindurch. Hierin liegt die Ermöglichung, schließlich doch mehr zu sehen, als das, was oberflächlich vor Augen liegt, mehr als fixierte Gegenstände in diesem oder jenem Zustand, mehr als isolierte Ereignisse in ihrer jeweiligen positiven oder negativen Unmittelbarkeit. Darin liegt die Ermöglichung einer Perspektive der Hoffnung und Zuversicht, die aber nicht einfach als Besitz betrachtet werden kann, der nur hervorgeholt werden braucht, sondern als Orientierung, die - vielleicht sehr mühsam - immer wieder neu gewonnen werden muss - inmitten der Irritation, die uns unausweichlich überkommt, wenn wir - so oder anders - verunglücken.
Und jetzt, nachdem dies gesagt ist, ist es vielleicht doch gerechtfertigt, diese Bilder von Unfällen auch gleichnishaft zu verstehen: als Gleichnisse für das Aushalten von Irritation und für das Ringen um Orientierung angesichts der Irritation, ohne die das Leben nicht zu haben ist. Vielleicht verstärken die Bilder zunächst die Irritation, viel- leicht verhelfen sie aber schließlich dazu, inmitten der Irritation schon das ,,Mehr'', das ,,Andere'' zu erspüren. - Dies könnte geschehen, wenn man ihre Schönheit erkennt.
Ich hoffe daher, dass meine Bilder hier - auf Zeit - eben doch am richtigen Ort sind, dass der Ort sie erträgt und auch trägt, und dass der Ort hilft, erkennbar zu machen, was in ihnen liegt - über die erste Offensichtlichkeit der Bildmotive hinaus.
Amen
Hartwig Reinboth, /Nov. 2009










