Predigt im Blaulichtgottesdienst der Autobahnkirche Exter am 4. 3. 2012 über Jesaja 5, 1-7
„Es macht keinen Spaß mehr. Da reißt man sich immer wieder für die Leute den A... auf und wird dann noch doof angemacht! Man gibt sich alle Mühe und arbeitet mehr als gesund ist – und dann kommt nur Frust dabei raus!"
Ich weiß nicht, wer von euch sich in dem O-Ton gerade wiedererkannt hat, aber ich kann mir denken, dass die meisten diese Stimmungslage kennen: Im Job kehrt Frust statt Lust ein. Oder in der Beziehung. Oder im ehrenamtlichen Engagement...
Eine eigentlich schöne und sinnvolle Aufgabe trägt nicht die gewünschten Früchte.
Ich denke, dass einige hier ein Lied davon singen können...
Was euch sicher verwundert: auch Gott kann ein Lied davon singen. Ein Lied von Frust und Enttäuschung. Ja, ich habe selber gestaunt. Dass Gott Hände hat und Augen und ein Herz, diese biblischen Bilder waren mir vertraut. Aber dass Gott auch mal „sooo´n Hals" hat und „die Nase gestrichen voll", dass hört man ja selten. Heute zum Beispiel - im Predigttext des Sonntags beim Propheten Jesaja, den uns Svenja Tegeler eben vorgelesen hat. Gott singt - durch den Mund des Propheten - ein Lied von Frust und Enttäuschung. Ja, so menschlich begegnet uns Gott!
Ein Lied vom unfruchtbaren Weinberg – die Bilder passen ganz in die biblische Welt vor 2500 Jahren. Da pflanzt einer einen Weinberg an. Glücklicher Mensch, möchte ich sagen: er besitzt eigenes Land, er hat eine sinnvolle Arbeit - und er hat Ziele vor Augen.
Wie schön muss das sein, wenn man einen eigenen Weinberg hat. Natürlich, viel Arbeit ist das. Das haben wir Exteraner auf der Gemeindefahrt an die Ahr gesehen und das steht auch bei Jesaja: umgraben, Steine wegschaffen, eine Kelter graben. Pflanzen und düngen und gießen... Aber die ganze Plackerei hat ja ein Ziel: der eigene Wein, vollmundig und berauschend - Getränk der Freude, Symbol des Festes!
Für einen Moment der Stille möchte uns ein paar Fragen zum Bedenken geben:
- Welches Feld beackere ich gerade - in meinem Dienst, in meinem Leben?
- Welche Ziele und Visionen treiben mich jeden Tag an? Wozu mache ich das alles?
-STILLE -
Vielleicht hast du eben über die Frage nachgedacht:Wofür das alles? Bringt deine Arbeit die erhoffte Frucht, Erfüllung, Erfolg, Zufriedenheit. Oder bringt sie auch oft Frust? –
Dann wärst du nahe dran an dem biblischen Lied. Denn obwohl der Weinbergbesitzer alle Steine aus dem Weg räumt und alle Mühen auf sich nimmt – die große Ernte bleibt aus und die wenigen Früchte taugen nichts. Was für eine Enttäuschung! Was für ein Frust!
Viele von euch könnten ein Lied davon singen, von frustrierenden Einsätzen, von nervigen Kollegen und Vorgesetzten, von enttäuschten Erwartungen bezüglich Beförderung oder anderer Anerkennung...
Die Feuerwehrseelsorgerin Svenja Tegeler erzählt uns ein wenig aus ihrem Dienstalltag:
- BERICHT SVENJA -
Trotz allen Engagements, trotz bester Ausbildung und Ausrüstung und hoher Motivation gibt es solche Ereignisse, die einfach nur frustrieren. Da hilft auch kein Beschönigen und Drumrum-Reden – am Ende steht die Bewertung: trotz aller Bemühungen leider kein positives Ergebnis. In unserem Predigttext bei Jesaja steht auch eine klare Bewertung: der Weinberg trägt nicht die gewünschten Früchte. Er soll aufgegeben werden!
Da musste ich an die Umstrukturierungen in Verwaltung, Behörden und auch bei der Kirche denken. Wer beurteilt eigentlich die Leistungen, den Ertrag unserer Arbeit? Manches Urteil, das gesprochen wird, können wir ja nicht nachvollziehen, wenn bewährte Strukturen aufgelöst werden. Im Zuge von Einsparungen werden ganze Arbeitsbereiche aufgegeben. Die Leitenden sagen: „Wenn du merkst, dass du ein totes Pferd reitest, steige ab!"
Die Selbständigkeit einer Kirchengemeinde oder einer Abteilung anzugreifen empfinden dann viele wie eine Bewertung: ihr wart nicht gut genug, sei nicht leistungsfähig genug, habt bisher nicht richtig gearbeitet. Das ist hart, ein totes Pferd zu sein!
Das Urteil des Weinbergbesitzers hat auch Folge: Der Weinberg wird aufgegeben. Die Zäune, die ihn umgaben und beschützen, werden eingerissen, er soll ohne Pflege und Wasserversorgung bleiben und ganz eingehen. Dieses harte Urteil und seine Folgen beschreibt beim Propheten Jesaja das Verhältnis von Gott zu seinem Volk Israel und Juda. Gott kümmert sich um sein Volk, hegt und pflegt es und gibt ihnen die 10 Gebote als eine Gebrauchsanweisung zum Leben – und sie scheren sich nicht darum. Martin Luther versucht den hebräischen Liedvers sogar mit Reim wiederzugeben: statt Rechtsspruch war Rechtsbruch, statt Gerechtigkeit nur Schlechtigkeit!
Die ganze Mühe mit dem Weinberg Gottes lohnt sich nicht. Gott zieht sich zurück aus dem Bund mit seinem Volk und überlässt uns Menschen frustriert unserem eigenen bösen Tun.
Zum Glück ist das nur eine Momentaufnahme aus der enttäuschten Seele Gottes. Wir können uns darin ja wiederfinden: wenn wir zur Unfallstelle kommen, wo alkoholisierte Jugendliche sich im Temporausch zuschanden gefahren haben, dann möchten wir auch sagen: lasst mich doch damit in Ruhe, ich will die schrecklichen Bilder von Blut und Gehirnmasse nicht sehen! Wenn Mitarbeiter der Autobahnmeisterei den Stinkefinger aus dem vorbeifahrenden Auto gezeigt bekommen, dann möchten die auch die Schüppe fallen lassen und sagen: dann lassen wir die Löcher vom Frost eben wo sie sind und ihr fahrt euch eure Achsen kaputt! Wenn die Polizisten der Einsatzhundertschaft eine Handvoll Neonazis begleiten und vor Linksextremen beschützen müssen, weil auch die ganz Bekloppten in unserer Demokratie ein Recht auf öffentliche Meinungsäußerung haben, und dann als Bullenschweine beschimpft und mit Steinen beworfen werden, dann möchten die auch lieber nach Hause zu ihrer Familie gehen und sagen: Schlagt euch doch gegenseitig tot, ihr Idioten! Manchmal hat doch jeder von uns mal „keinen Bock mehr" und „die Schnauze voll!"
Aber zum Glück gibt es ja wieder andere Tage, da macht das Leben und sogar die Arbeit wieder richtig Spaß. Zum Glück siegt über vorübergehende Frustration doch meist wieder die Überzeugung: Ich mache doch hier einen guten Job. Ich liebe meinen Dienst und weiß, dass es Sinn macht, sich für Menschen zu engagieren. Und das verbindet ja alle Blaulicht-fahrer über alle Unterschiede hinaus: wir alle sind angetreten, Menschen zu helfen. Und dieses Stück Enthusiasmus, liebe Schwestern und Brüder, das sollten wir uns unbedingt bewahren. Unsere innere Überzeugung, etwas für Menschen zu tun, Freund und Helfer zu sein, Retter in der Not, kleine Helden des Alltags – die sollten wir uns nicht vom Frust abkaufen lassen. Darum stärken wir uns heute gegenseitig, reden mal abseits vom Dienstalltag und Einsatzstress miteinander.
Und Gott, der Frust und Enttäuschung selber nur zu gut kennt, stärkt uns gleich durch die Frucht des Weinstocks und das Brot des Lebens. Er hat nicht aufgegeben, das Gute zu tun.
Er hat uns Menschen nicht aufgegeben, sondern seinen Sohn hingegeben, all das Böse, all den Frust zu erleiden – und zu überwinden! Er, der Gott des Friedens, dessen Gnade weiter reicht als all unser Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.








